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Kinder in Not

 

Eigentlich ist solch ein Aufruf ja für Kinder in Haiti oder Nepal, in Tschernobyl oder Afghanistan gedacht - Dieser hier aber ist kein Spendenappell. 

Hier geht es um Achtsamkeit. Wenn wir an unsere Kinder in Deutschland denken, geht den meisten erst einmal durch den Kopf: „… die haben ja alles, denen geht es gut. Die müssen nicht hungern, die haben ein Dach über dem Kopf“. Natürlich trifft das für die allermeisten Kinder in Deutschland zu – aber geht es ihnen wirklich gut? Können sie eine glückliche Kindheit verleben? Können sie sich ausgelassen und spielend an ihrem Heranwachsen erfreuen? Oder stehen sie schon mit 4 Jahren unter Leistungsdruck, wenn die Mutti an der Pforte zum Kindergarten sagt: „… und pass schön auf, was die Englisch-Lehrerin sagt!“
 

Druck im Kindergarten und in der Schule

Spätestens in der Grundschule wird es dann ernst – mit 5 oder allerspätestens mit 6 Jahren beginnt der Ernst des Lebens. Da geht es erstmal um Schreiben, Rechnen und Lesen, aber eigentlich schon ums Ganze. Was passiert neuerdings mit unseren Kindern? Warum müssen einige von ihnen schon mit 7 Jahren zum Psychologen? Warum bekommen sie morgens vor der Schule erst einmal eine Pille, damit sie den Morgen überstehen? (Ritalin – ein Betäubungsmittel um den Zappelphilip so herunterzubremsen, dass die Lehrerin mit dem Kind fertig werden kann. Immerhin gibt es ja fünf zappelige Kinder in dieser Klasse, die einfach nicht still sitzen wollen, egal wie oft man es ihnen sagt, egal wie oft man sie bestraft. Und die Lehrerin hat ja auch 29 andere Kinder in der Klasse, die sie erstmal an das Stillsitzen und Zuhören heranführen muss). Hier ist einiges, wo man näher hinschauen muss, fürs Wegschauen ist es schon lange zu spät.
 

Start in eine Schulkarriere

Der 7-jährige Marvin ist sehr unruhig. Die Fingernägel sind abgeknibbelt, an manchen Fingern sind die Ränder blutig. Die Schultasche schleift er kraftlos hinter sich her, die ist ihm einfach zu schwer. Aber da gibt es schon einen Tritt gegen den Ranzen: „Eh, du Penner, mach’ mal Platz!“ Verunsichert schaut sich Marvin um – da kommt Tom aus der dritten Klasse mit seinen Kumpels und sie gehen breitbeinig an Marvin vorbei – die Hosen hängen im Schritt und halten sich nur durch breitbeiniges Gehen über demselben. Ein Mädchen aus der zweiten lacht: „Hey Marvin, lass` dich doch nicht wegschubsen – du Looser!“

Marvin kämpft mit den Tränen. In der Hosentasche ballt sich seine Faust, aber er hat Angst. Sein Freund Kevin darf seit 2 Wochen nicht mehr mit ihm zusammen den Schulweg gehen, dessen Eltern möchten einen anderen Umgang für ihren Sohn; der soll mal Rechtsanwalt werden und Papas Praxis übernehmen. Daher ist Marvin - sein Vater ist Maurer und seit 1 ½ Jahren arbeitslos - kein Umgang für ihn. Also kämpft Marvin sich täglich den endlos lang erscheinenden Weg zur Schule alleine durch – und in der Schule sitzt er auch alleine. Die Lehrerin meinte, das wäre besser für ihn. Er sei eh schon einer der Schwächsten in der Klasse und jede Ablenkung bedeute für ihn ein weiteres Abrutschen im Klassendurchschnitt. Immerhin geht es hier schon um etwas. Für Marvin steht Förderunterricht an. Er kommt nicht mit, hat sein Heft oft nicht dabei oder auch die Aufgaben nicht gemacht. Eigentlich versteht er die Aufgaben wohl, aber er vergisst oft die Hausaufgaben in sein Heft zu übertragen und dann weiß er nicht was er machen soll.
 

Wie weiß ich was ich soll!?!

Die Lehrerin hat ihn deshalb schon zweimal vor die Tür geschickt, damit er darüber nachdenkt, aber das hat er gar nicht verstanden. Er dachte, er würde herausgeschickt, weil sie ein Spiel machen. Da hat er sich dann sehr erschrocken, als der Thorben ihn neckte: „Na du Doovie, kannst Deiner Mutter mal bestellen dass sie ein MOpfer (ugs. Mobbing-Opfer) geboren hat!“ Verstehen kann er diesen Ausspruch auch nicht, aber jetzt klingelt es sowieso erst einmal und es ist Pause.

Ein Butterbrot hat er nicht. Der Vater hat ihm 50 Cent mitgegeben, damit er sich was zum Essen kaufen kann. Die Butterbrote beim Hausmeister kosten aber mindestens 60 Cent. Also isst Marvin nichts. Zur Toilette geht er auch nicht. Da haben ihn mal die Jungens aus der dritten aufgelauert und ihn wegen seiner Klamotten ausgelacht. Gegen die Toilettentür haben sie ihn gedrückt und ihn aufgezogen wegen seines Mantels. Den hatte er von der Oma zum Schulanfang geschenkt bekommen und trug ihn eigentlich sehr gerne. Aber nach diesem Morgen hat er ihn einfach in der Schule hängen lassen – und so getan als gehöre er ihm nicht. Um 12 Uhr ist die Schule aus, aber Marvin sucht noch seine Stifte. Er weiß ganz sicher, dass er sie unter sein Pult gelegt hat, aber dort sind sie nicht. Die Tränen stehen ihm in den Augen. Und langsam wird aus der Traurigkeit Wut, denn er hat eine Ahnung, dass der dicke Paul aus der ersten Reihe die Stifte genommen und alle in den Papierkorb geworfen hat. Stimmt. Da sind sie. Aber sie sind nicht mehr zu gebrauchen, sie sind alle in der Mitte entzwei gebrochen. Sprachlos in seiner Ohnmacht geht er nach Hause und kann dort nichts erzählen, der Vater glaubt ihm sowieso nicht.
 

Wer steht hinter mir? Wer versteht mich?

Der hat neulich schon gesagt: „Aus dir wird sowieso nichts Gescheites, du kannst ja noch nicht mal Schreiben lernen.“. Marvin weint sich in den Schlaf – und als er keine Tränen mehr hat – macht er ins Bett. Das ist einfach so passiert. Er weiß auch nicht wie, aber morgen gibt es bestimmt dafür wieder Hausarrest. Die Mutti weint, dass er immer ins Bett macht, weil sie dann die Wäsche wieder waschen muss und der Vater hat gesagt: „Diese Memme, benimmt sich immer noch wie ein Baby“. Marvin ist schon morgens wie gerädert und schämt sich sehr. Ob die anderen wohl wissen, dass er immer noch ins Bett macht?
 

Die Strategie zum Überleben

Jetzt entscheidet er sich für eine neue Strategie. Ich werde cool! Ich mach’ jetzt auch all das, was die anderen vorher mit mir gemacht haben. Und schon pickt er sich Jutta auf dem Schulweg heraus und reißt ihr die Mütze vom Kopf und tritt darauf. Irgendwie geht es ihm jetzt besser. Nicht mehr so ohnmächtig. Irgendwie wichtig. In der Schule klaut er dem dicken Paul den Radiergummi und es tut ihm gut, endlich hat er es ihm heimgezahlt. Als die Lehrerin ihn dafür bestrafen will und herausschickt, streckt er ihr die Zunge heraus und alle Kinder lachen! Endlich mögen mich die Kinder, denkt Marvin und überlegt schon, wie er wieder einen Lacher ‚ernten’ kann. Das ergibt sich recht schnell. Die Lehrerin erklärt den nächsten Buchstaben – und Marvin setzt sich rückwärts auf seinen Stuhl und pupst. Alle lachen wieder. Marvin ist glücklich. Jetzt ist er der Klassen-Clown und alle warten schon auf seinen nächsten Streich.
 

Die Strategie funktioniert nicht

Der kommt aber jetzt von der Lehrerin, die bestellt die Mutter ein und sagt, mit dem Jungen müssen wir was machen, sonst sähe sie schwarz für ihn. Erst einmal zum Kinderarzt – der diagnostiziert ADHS und verschreibt Ritalin, erstmal in einer größeren Dosis – reduzieren kann man ja jederzeit. Dann noch einen Termin beim schulpsychologischen Dienst, da muss der Marvin erst mal erzählen, was in den letzten 4 Wochen so vorgefallen ist. Aber er kann sich nur erinnern, dass er dem Paul den Radiergummi geklaut hatte ...

Weiter geht’s. Marvin ist jetzt 15 Jahre alt und schafft die nächste Klassenversetzung nicht. Freunde hat er nicht. Allerdings bekommt er jetzt von seiner Tante ordentlich viel Geld zugesteckt, weil alle ein schlechtes Gewissen haben, ihm gegenüber. Das nutzt er gut aus und braucht auch viel Geld, Zigaretten sind eben teuer. Er hat auch schon mal andere Drogen probiert, aber die waren nicht anders als was er schon kannte. Und in der Pause geht er immer in den Edeka und holt sich für 79 Cent ein Cola-Pop – so kommt er wenigstens über den Vormittag. Die Lehrer haben ihn abgeschrieben und er ist froh, wenn er dadurch seine Ruhe hat. Immerhin macht er nicht mehr ins Bett – und weinen tut er auch nicht mehr.
 

Einzelschicksal?

Sicher – sagen Sie jetzt – ein Einzelschicksal. Aber was wäre gewesen, wenn mal jemand dem Marvin eine echte Chance gegeben hätte, seine eigenen Blockaden zu erkennen und zu lösen? Was wäre gewesen, wenn man erkannt hätte, dass Marvin vornehmlich mit der Gestaltgehirnhälfte lernt und das analytische ihm nicht so liegt? Was wäre gewesen, wenn man erkannt hätte, dass Marvin besser immer vorne links im Klassenraum sitzen würde, dort kann er mit seinem rechten Ohr am besten Informationen aufnehmen und umsetzen. Was wäre gewesen, wenn jemand seine Legasthenie hätte erfolgreich korrigieren können, weil diese Lernstörung nur eine Blockade im Bildspeicher des Gehirns ist!? Was wäre anders gelaufen, wenn Marvin in seiner Einzigartigkeit erkannt worden wäre und man ihm ein Selbst-Bewusstsein hätte vermitteln können, indem man ihm sich seiner selbst bewusst gemacht hätte? Viele Fragen – einige mögliche Antworten finden Sie im Buch: „Verkannte Genies“ – Neuerscheinung im Kösel Verlag, Ludwig Koneberg



 

Birgit Hamisch
Lernberaterin mit Diplom, IPP
Evolutionspädagogik
02507-572489 /0151 2289 2648
www.triangel-havixbeck.de
lernberatung2010@email.de
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