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Lieben

Die Liebe ist schwer zu beschreiben, manchmal fließt sie einfach aus den Fingern, dann wieder liegt sie in einem Lächeln und ein anderes Mal ist sie stumm und sagt damit tauend Worte.

Ich weiß, dass sie in vielen Gesichtern in meine Praxis kommt und manchmal bleibt sie im Praxiszimmer sitzen, auch wenn der Klient schon längst gegangen ist. Sie setzt sich in meinen Schreibtischsessel und wartet ungeduldig auf meinen Feierabend. Und dann bittet sie mich um Unterkunft. Sie sagt, sie wird nicht viel Platz wegnehmen, eine kleine Ecke irgendwo in der Praxis würde schon reichen …

Ich kenne das schon, die Liebe tut immer sehr bescheiden, aber ich weiß Bescheid, das ist alles nur Tarnung.

Natürlich gebe ich ihr Asyl, denn wer würde schon die Liebe vor die Tür setzen? Natürlich würde das kein Mensch tun, oder?

Nehmen wir einmal an, Sie finden sich selbst zu klein und dünn und außerdem auch nicht besonders interessant. Erschwerend kommt dann noch hinzu, dass Sie gestern durch eine Prüfung gefallen sind und Ihre Nase schon immer ein klein wenig zu groß war, genau wie Ihr rechter Fuß, der etwas länger ist als der linke.

Kurz und gut, Sie sind ein Niemand, ein unbedeutender Wurm im göttlichen Kosmos. Sie sind wenig beachtenswert und keine Feierlichkeit wäre weniger schön, wenn Sie nicht kommen könnten. Dies ist die traurige Wahrheit und dann schließen Sie mit hängenden Schultern und traurigem Blick die Tür hinter sich. Und dann sitzt sie da auf den kalten Stufen vor Ihrer Haustür, die Liebe, die ausgesperrte! Sie haben sie hinausgejagt, die Liebe zu sich selbst.

Nun aber laufen Sie in Ihrem Haus umher und zaudern mit der Welt und träumen von dem einen Menschen, der Sie so nimmt und liebt wie Sie sind, den einen Menschen, der strahlt, sobald er Sie sieht, den einen Menschen, der Ihren rechten längeren Fuß ganz besonders liebt und für den der göttliche Kosmos nur deshalb göttlich ist, weil Sie in ihm leben …

Wieso sollte eigentlich irgendein Mensch Sie so lieben, wenn Sie es nicht mal selber tun?

Aber diese Person, die klar und deutlich sieht, dass Sie kein Wurm sind, sondern ein wundervoller Mensch, gibt es natürlich ganz bestimmt, nur ist ungewiss, wo sie sich gerade aufhält. Es könnte ja sein, dass sie ebenfalls in einem Haus umherirrt und vor lauter unerfüllter Sehnsucht und Verzweiflung gar nicht mehr vor die Tür geht, vor der, wen wundert es noch, ebenfalls die ausgesperrte Liebe sitzt.

Stellen Sie sich mal einen einzigen Straßenzug in Ihrer Wohngegend vor. Was glauben Sie, bei wie vielen die Stufen vor dem Haus besetzt wären? Und wie eng würde es auf den Stufen von Mehrfamilienhäusern? Da käme kein Mensch mehr die Treppen hinauf, ohne auf Liebe zu treten.

Von wegen kein Mensch würde der Liebe das Asyl verweigern! Die Selbstliebe muss bei den meisten erst eine Aufenthaltsgenehmigung vorweisen, die zu erlangen fast unmöglich ist. Und hat sie es endlich geschafft, erfinden wir schnell eine neue Auflage, die sie erfüllen muss, und schicken sie wieder weg.

Warum eigentlich? Zu welchem Zweck und wem nutzt unser Selbsthass? Wer gewinnt eigentlich dadurch, dass wir uns ständig selbst kritisieren?

Probieren Sie doch mal etwas anderes und schenken der Selbstliebe probeweise eine ganz kleine Ecke in sich selbst. Zum Beispiel in Ihrer großen Nase oder Ihrem rechten Fuß.

Das hört sich jetzt an wie ein Witz, ist aber keiner, denn wenn Sie es zulassen, können Sie eine angenehme Wandlung erleben.

Die Liebe hat nämlich wundersame Eigenschaften: sie ist nicht zu messen oder zu kategorisieren, sie ist nicht begrenzt oder in Gemäuern zu halten und erst recht nicht auf irgendwelchen Treppenstufen. Die Liebe dehnt sich aus, verteilt sich, ohne dabei weniger zu werden, sie verbindet, was zusammengehört, und löst, was gelöst werden muss.

Oftmals kommt sie leise und unauffällig daher, aber in Wirklichkeit ist die Liebe mächtig und heilsam. Liebe macht stark und schön und sie ist eine Wohltat für alle Irrtümer dieser Welt. Liebe ist das, was die Welt insgeheim mit jedem von uns vorhat.

Gestatten Sie sich zu lieben, und üben Sie schon einmal bei sich selbst und seien Sie sich gewiss, es kann nichts Schlimmeres dabei passieren, außer dass Sie glücklich werden!


Verena Ronnenberg
Heilpraktikerin für Psychotherapie

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