Machen Sie doch, was Sie wollen
Neulich, als ich mich langweilte, ereignete sich Folgendes: nämlich nichts. Nur Langeweile, angefüllt mit dieser Art von Ruhe, in der nichts passiert. Alles still und unendlich langweilig. Und genau das ist es ja, warum es so langweilig ist. Es passiert einfach nichts, schlicht und ergreifend nichts.
Doch dann kam mir eine Idee, wie wäre es, wenn ich aus dieser gähnenden Langeweile etwas mache. Wenn ich sie in kleine Stücke zerteile, die ich dann farblich nett eintüte und um jedes Tütchen eine rote Schleife binde. Und dann, könnte ich die Tütchen obendrauf auch noch einfach zu Weihnachten verkaufen. Ja klar, an gestresste Geschäftsleute, überarbeitete Manager, überhaupt an all die sympathischen Menschen, die ständig gehetzt werden von unzähligen, dringenden Terminen . Und auch an all die netten Kollegen, die sich ihre eigene Privathölle täglich neu kreieren, diese Meister und Meisterinnen im Erfinden von gedanklichen Katastrophen und schrecklichen Eventualitäten, die über sie hereinbrechen könnten.
Wonach sehnen wir uns denn in diesen hektischen Vorweihnachtszeiten mehr als nach ein bisschen Ruhe und entlastender Langeweile? Und genau im richtigen Moment käme ich dann mit meinen Tüten um die Ecke. Ja, und dann hätte ich ein wunderschön langweiliges, gut gehendes Geschäft in der besten Innenstadtlage. Und jeder, der sich etwas Gutes tun möchte, käme hektisch rein und würde nach Tütchenkauf merklich relaxt, schon fast in Richtung gelassener Gelangweiltheit, schnoddrig schlendernd mein kleines Lädchen verlassen.
Wenn man vom Tellerwäscher zum Millionär werden kann, warum dann nicht auch vom Gelangweilten zum florierenden Tütchenunternehmer? Vielleicht gehören Sie ja auch zu diesen begnadeten Menschen, die aus Nichts alles machen können. Die aus einer Reifenpanne bei Minusgraden in einer kalten Dezembernacht, ein vorweihnachtliches Happening unter dem funkelnden, sternenlichtdurchfluteten Himmelszelt machen. Oder, die aus einer starken fiebrigen Erkältung private Schlaf- und Entspannungsfeten im hauseigenen Bett geben, so dass besorgte Familienmitglieder oder besuchende Freunde, gesund davor stehend, neidisch auf sie werden?
Wann haben Sie das letzte Mal eine Situation, die Ihnen nicht passt, in ihr positives Gegenteil verwandelt? Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre schlechte Laune, Ihre Angst, Ihre Wut oder womit auch immer Sie sich im Moment beschäftigen vielleicht heimlich und hinterrücks für irgendetwas gut sein könnten? Angenommen Sie würden jetzt nicht zum zwanzigsten Mal verhackstücken, woher Ihre schlechte Laune, Ihre Wut etc. kommen. Und sich dann auch nicht weiter ärgern und ohnmächtig fühlen, weil Sie stattdessen aufhören darüber zu grübeln, dass Ihre Wut, Angst etc. von hier oder dort, aus der Eifel, der Kindheit oder vom Nachbarn gekommen sind, sondern mal was anderes ausprobieren, zum Beispiel die Frage: Was kann ich daraus machen, dass es im Moment so ist? Wofür könnte es letztendlich gut sein?
Sie sind Ihren Gefühlen und Stimmungen nicht ohnmächtig ergeben und ausliefert, Sie können mit ihnen spielen und sie sich nutzbar machen.
Übrigens das Lädchen musste ich schließen, weil ich keine Langeweile und Ruhe mehr hatte, dafür aber viel Stress und Hektik wegen der großen Tütchenachfrage. Aber Sie wissen ja sicher, dass ich den Stress dann in Kartons gepackt und im Nachbargeschäft verkauft habe, an all die sympathischen Menschen, die immer so viel Langeweile haben.
Wie auch immer, lassen Sie sich von keinem und niemanden einen Bären aufbinden. Aber binden Sie doch ab und zu mal düsteren Stimmungen und kleinmachenden Gefühlen, die Sie daran hindern das zu tun, was Sie sich eigentlich wünschen, Ihren ganz privaten, selbstkreierten Bären auf. Gehen Sie doch in Ihre eigene Tütchenproduktion. Und überhaupt, machen Sie doch, was Sie wollen.
Vielleicht wollen Sie einfach mal einem wunderbaren Menschen sagen, dass sie ihn lieben und wertschätzen und sich freuen, wenn sie ihn sehen. Eventuell könnten Sie das ja auch zu sich selbst sagen, wenn Sie mal Zeit dafür hätten. Gönnen Sie sich so viele selbstproduzierte Lichtfunken wie möglich. Dann bleibt es immer schön hell in Ihrer Nähe - was besonders gut ist für diese dunkle Jahreszeit.
In diesem Sinne und überhaupt lassen Sie es sich gut gehen – und was könnte schon schlimmes passieren, außer dass Sie glücklich werden.
Verena Ronnenberg
Heilpraktikerin (Psychotherapie)