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Mit Angst ins Glück



Wer kennt sie nicht, die Angst? Jeder, der etwas auf sich hält, pflegt und schürt sie, seine eigene, höchstpersönliche, ganz individuelle und manchmal einzigartige und im Geheimen lebende Angst. Er gießt sein zartes, oftmals exotisch anmutendes Pflänzchen und gönnt ihm heimlich den allerbesten Standort, der Wachstum garantiert. Nie wird er vergessen, seine Angst zu gießen und regelmäßig mit Nährstoffen zu versorgen. Selbst wenn er in Urlaub fährt, hat er längst dafür gesorgt, dass alte Bekannte das Pflänzchen gewissenhaft versorgen. Mögen in der Sommerhitze die wildwachsenden Pflanzen verdörren, das Eine, das wichtigste Grün kriegt noch immer von irgendwo her ein ausreichendes Schlückchen Wasser. Denn – was uns wirklich am Herzen liegt, das pflegen wir gut und liebevoll. Wie unsere Kinder, unsere Projekte, unsere große Liebe, so selbstverständlich auch unsere Angst!

Sie glauben mir nicht? Sie möchten nichts sehnlicher, als sich von Ihren Ängsten verabschieden, sie ein für allemal entlassen, und zwar endgültig und auf nimmer Wiedersehen? Sie möchten Ihre Angst gut wegpacken und auf hoher See mit Bleiklumpen beschwert in alle Ewigkeit versenken? Hören Sie bitte auf so zu kämpfen! Es geht viel einfacher!

Viele von uns denken, dass unsere Angst – sobald wir sie zulassen – uns glattweg erschlagen wird. Etwa so wie in dem Fall eines guten Freundes, der seine Angst so hingebungsvoll und professionell pflegte, dass aus dem Pflänzchen ein stattlicher hoher schattenspendender Baum geworden war. Der Freund konnte schließlich weder arbeiten noch hatte er Zeit für Kontakte, da er ständig sein großes Werk, seinen Lebensbaum bewachen musste. Er verbrachte viele Jahre im Schatten dieses großartigen Baumes. Im fünften Jahr trug der Gigant Früchte, die prall und satt in den Ästen hingen. Der Freund legte sich unter seinen stattlichen Angstbaum und ergötzte sich an den prachtvollen, hoch oben hängenden schweren Früchten. Er lag und schaute gen Himmel als eine Frucht sich vom Ast löste und ihm geradewegs auf den Kopf knallte. Der Zusammenstoß erfolgte unglücklicherweise an seiner Schläfe, so dass mein Freund auf der Stelle unter seinem Lebenswerk verstarb. Da er über keinerlei soziale Kontakte mehr verfügte, bemerkte auch keiner seinen Tod. Der Baum, der lebendig und prachtvoll über dem Toten thronte, spuckte zur Verabschiedung noch ein paar schwere Früchte von seinen Ästen, die spöttisch und respektlos auf dem Körper des Freundes zerprallten.


Ist dieses Horrorszenario schlimm genug? Bestätigt und befriedigt es all unsere Ängste vor der Angst? Denken Sie immer noch: Wer mit seiner Angst lebt, wird durch sie umkommen?

Nein, so ist es nicht! Die Geschichte von meinem Freund geht nämlich in Wirklichkeit ganz anders aus:

Der Freund legte sich unter seinen stattlichen Angstbaum und ergötzte sich an den prachtvollen, hoch oben hängenden schweren Früchten. Er lag und schaute gen Himmel, als er auf die Idee kam, von den Früchten zu kosten. Er aß von ihnen und erfreute sich an ihrem unbekannten und exotischen Geschmack und ihrem betörend guten Geruch. Er fühlte sich gesättigt und doch beschwingt und angeregt. Eine unbändige Neugier befiel ihn. Er machte sich auf den Weg und lebte ein Leben voller Lebendigkeit, Buntheit und Fülle. Als er in hohem Alter friedlich und glücklich verstarb, begruben ihn seine Familie und Freunde unter seinem majestätischen, schattenspendenden Baum, unter dessen schützenden, stabilen Ästen sie schon so oft ausgeruht und sicher verweilt hatten.

So wie die Pflanze, die wir pflegen, irgendwann blühen und Früchte tragen wird, so ergeht es uns auch mit der Angst, wenn wir sie ernst nehmen und sie akzeptieren. Denn hinter Angst und Verzweiflung stehen immer ungeheuere Kraft, Mut zum Wandel und zu klaren Entscheidungen. Manchmal müssen wir warten, bis sich die Angst so zuspitzt, dass sie auf dem Berggipfel die Balance verliert und auf der anderen Seite, der Mut-Seite, heruntersteigt. Wirklich mutig ist nur, wer die Angst kennt. Wer seine Angst wegdrückt und verleugnet, schadet vor allem sich selbst. Denn wie eine gute Freundin wird sie solange auf sich aufmerksam machen, bis wir sie liebevoll behandeln, ernst nehmen und achten. Sobald wir dies tun, zeigt sie ihre ganze Schönheit und ihr wirkliches Potential: Die große ihr innewohnende Chance zur persönlichen Entwicklung und Wandlung.

Denn unsere persönliche Angst ist immer eine Raupe aus der vor allem eines werden soll: Der allerschönste Schmetterling unseres Lebens. Lassen Sie doch Ihren Schmetterling fliegen! Hoch fliegen und geradewegs in Ihr persönliches Glück!

Verena Ronnenberg
Heilpraktikerin für Psychotherapie

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