Teil II
Das wichtigste Ziel ist, dass jeder Teilnehmer die
Übungen des Autogenes Trainings, die er/sie in einer Abfolge von
mehreren Sitzungen geübt und erlernt hat, alleine und ohne Lehrer, also
in jeder Lebenslage anzuwenden, beherrscht. Man kann das AT überall und
zu jeder Zeit anwenden, in der Straßenbahn genauso wie im Büro, oder
einfach auf der Strasse. Ganz gleich wo man sich gerade befindet, wird
man in die Lage versetzt, Situationen, die Stress auslösen, zu
kontrollieren, und sich somit selbst und ohne äußere Einwirkung zu
helfen. Der Trainer übernimmt lediglich die Leitung und spricht die
beruhigenden Worte, auf die sich die jeweiligen Teilnehmer einlassen
und in entspannter Atmosphäre „aktiv“ zuhören und sich fallen lassen
lernen können.
Entstehung des Autogenen Trainings
Die Methoden deren sich das Autogene Training
bedient, nämlich der Selbstbeeinflussung und der totalen Entspannung,
sind schon seit der Zeit der Antike bekannt und wurden seither auch
ausgeübt. Wir kennen diese Methoden auch aus der japanischen
ZEN-Meditation, der etwa im 5. Jahrh. n. Chr. entstandenen Linie des
Mahayana-Buddhismus oder der indischen Yoga-Lehre,
die erstmals in den ältesten indischen heiligen Schriften aus der Zeit
um 3500 v. Chr. erwähnt wird. Allerdings sind diese Methoden der
Entspannung nicht von der jeweiligen Weltanschauung dieser Lehren zu
trennen, da sie sonst ihre Wirkung verlieren. Das von Prof. J. H.
Schultz entwickelte Autogene Training ist absolut wertefrei und ist
somit vollkommen unabhängig zur jeweiligen Weltanschauung oder dem
kulturellen Umfeld anwendbar. Auf Erfahrungen aufbauend, die er lange
Zeit in der Berliner Hypnose-Ambulanz gesammelt hatte, entwickelte er
auf wissenschaftlichen Grundlagen basierend eine Selbsthilfemethode,
die er im Jahre 1932 in seinem Buch „Das autogene Training“
veröffentlichte.
Prinzip hierfür war seine Entdeckung, dass viele Menschen in der Lage
sind, allein mit ihrer Vorstellungskraft einen tiefen Zustand der
Entspannung zu erreichen. Als kleines Beispiel soll dienen, dass bei
Menschen, die sich sehr intensiv Wärme in ihren Armen oder Beinen
vorstellen, tatsächlich eine Erhöhung der Oberflächentemperatur des
betroffenen Gliedes festzustellen war, was auf eine vermehrte
Durchblutung zurückzuführen ist. Die ursprünglichen Methoden, so wie
von Schultz beschrieben, wurden im Laufe unseres Jahrhunderts,
basierend auf immer neuen Erkenntnissen und Studien, stetig
weiterentwickelt, so dass die Wirksamkeit des Autogenen Trainings heute
als wissenschaftlich bewiesen gilt und auch von vielen Krankenkassen
als Heilbehandlung bezahlt wird. In seinem Buch Das Autogene Training
(1932) beschreibt Schultz sechs Standardübungen. Sie bestehen aus einer
Reihe verbaler Formeln, auf die sich der Patient passiv konzentriert,
während er mit geschlossenen Augen im Raum liegt. Diese Übungen müssen
so lange durchgeführt werden, bis der Patient in der Lage ist,
willentlich von einem hellwachen Zustand in einen ruhigen und
erregungsfreien überzugehen. Dazu gehört auch ein meditatives Training,
das in einer passiven Konzentration auf visuelle Phänomene beruht.
Spannung und Entspannung gehört zu den psycho-physiologischen
Grundlagen, die zu den allgemeinen Menschheitserfahrungen gehören. Wir
erleben sie als relativ uniforme Reaktionsmuster, die sich zwischen Aktiviertheit und
Desaktiviertheit bewegen. Der Orga-nismus reagiert relativ stereotyp
auf sehr verschiedene Belastungen, zu denen psychosoziale „Stressoren“
gehören, mit einer Alarmreaktion (Flucht o. Kampf). Genauso ist die
gegenteilige Reaktion Entspannung Teil unseres biologischen
Grundmusters. Eine große Rolle bei diesen Prozessen Anspannung und
Entspannung spielen emotionale und kognitive Bewertungen von Stressoren
und situativen Bedingungen. Entspannung bezeichnet den Zustand, der im
Körper irgendwo zwischen (totaler) Anspannung und (totaler) Entspannung
angesiedelt ist, ein angenehmes Wohlfühlen. Anspannung dagegen
bezeichnet den Zustand des Ungleichgewichtes zwischen Anforderungen der
Umwelt und den persönlichen Leistungsvoraussetzungen und dieser Zustand
wird von der betroffenen Person als unangenehm empfunden.
Anforderungen, Belastungen, Druck, all das, was wir als Stressfaktoren
bezeichnen, die von außen an den Menschen als ganzes gestellt werden –
im positiven genauso wie im negativen Sinne – bringen dieses
Zusammenspiel aus dem Gleichgewicht. Man unterscheidet zwischen
körperlichen wie Hitze, Kälte, Hunger, Krankheit, Verletzungen und
seelischen Stressfaktoren wie Ängsten, Schwierigkeiten im privaten
Bereich und Schwierigkeiten im beruflichen Bereich.