Die Augen vor der Welt verschließen
Morgens, während Sie
einen ersten Bissen Ihres Marmeladenbrötchens genießen möchten, spricht
auf einmal das Radio in Ihrer Küche über Gammelfleisch und kurz danach
über Kinderpornographie, gleichzeitig sind Sie dabei, Ihre erste SMS zu
beantworten und die Schulbrote für die Kinder zuzubereiten, und helfen,
den einen plötzlich fehlenden Turnschuh von Lisa zu suchen, der in den
nächsten Zweieinhalbminuten gefunden werden muss, damit ein pünktliches
Erscheinen in der Schule garantiert ist. Genau zehn Minuten später
müssen Sie ein Termingespräch führen und jetzt daran denken, dass Sie es
gleich nicht vergessen. Und während Sie daran denken, das Gespräch
nicht zu vergessen, können Sie nicht vergessen, dass Sie gestern
vergessen haben, Johannes zurückzurufen, der jetzt beleidigt sein wird.
Und als Ihr neunjähriges Kind zum Glück mit beiden Turnschuhen die Tür
verlässt und zum Bus geht, guckt es Sie mit hellen klaren Augen an und
fragt: Was ist Kinderpornographie?
Sie sind entsetzt und beschließen gleich das Radio zu zertrümmern und
denken darüber nach, wie ein einzelnes Wort ungefragt und ungewollt in
die Erlebniswelt eines Kindes donnern kann, ohne dafür zur Rechenschaft
gezogen zu werden. Warum hat das Radio nicht andere Worte in die Küchen
ganzer Vororte und Städte gesendet? Dann hätte Ihr Kind Sie vielleicht
mit den Worten verabschiedet: Was ist Selbstheilungskraft?
Berichterstattung, die informiert und aufklärt, rüttelt wach,
mobilisiert neue Energien, zeigt uns, wo wir handeln sollen, anstatt
wegzuschauen. Mürbe und stumpf macht dagegen beständige Überflutung von
Bildern des Grauens und zusammenhanglosen Schlagworten. Sensationspresse
hat nichts mit mobilisierender und aufrüttelnder Information zu tun,
die aus uns heldenhafte Kämpfer für das Gute machen könnte. Genau das
Gegenteil passiert: Effekthaschende Berichterstattung macht ohnmächtig
und zwingt uns frustriert zurück auf die Couch. Bilder können im
wahrsten Sinne des Wortes erschlagen; Worte mundtot machen.
Das fraglose Konsumieren von Sensationsmedien ist so, als ob wir den
Müll der Nachbarn und ganzer benachbarter Straßenzüge noch freiwillig
mit nach Hause nehmen. Dort stellen wir den Unrat aber dann nicht für
die Müllabfuhr an die Straße, nein wir nehmen uns den Müll mit nach
Hause, ganz schön nah und dicht an uns heran, nämlich direkt in unseren
Kopf. Den Haushaltsmüll trennen wir brav in drei bis vier Säcke und
kümmern uns vorbildlich um deren Entsorgung. Die tägliche
Innenweltverschmutzung jedoch lassen wir zu, immer oben drauf und immer
weiter rein, alles in die große „Tonne Kopf“. Die ist aber irgendwann
voll und hat keine Lust mehr auf verbale Gewalt, entwürdigende Bilder
und die Sinnentleerung all dessen, was uns eigentlich wichtig ist.
Wann war Ihnen das letzte Mal ganz klar und deutlich vor Augen, was
Ihnen wirklich wichtig ist? Bei welchen Bildern, Gedanken und
Vorstellungen wissen Sie, dass es sich lohnt zu leben und morgens
aufzustehen? Mit Sicherheit tragen Sie solche Bilder und Werte in sich.
Es kann allerdings sein, dass sie ganz unten in der „Tonne“ liegen und
erst einmal wieder freigeschaufelt werden müssen.
Das ist immer machbar und befreit von inneren Katastrophenbildern und
zwanghaften Gedanken, die lähmen und depressiv machen. Verbinden Sie
sich wieder mit Bildern und Gedanken, die Ihnen wirklich etwas bedeuten.
Bilder, Gedanken und Wahrnehmungen von Ruhe, Geborgenheit, Liebe,
innerem Wachstum und Lebendigkeit.
Manchmal geht es um etwas – was politisch und sozialverantwortlichen
Menschen eigentlich zutiefst widerstrebt – nämlich darum die Augen vor
der Welt zu verschließen und nach innen zu gehen, dorthin, wo wir
verbunden sind mit uns selbst. Jedoch, und das ist ebenso wichtig: nicht
als Selbstzweck und Flucht vor der bösen Welt da draußen, sondern als
Moment der Ruhe und des Kraftschöpfens – um danach ganz wach und klar
eines zu tun: Die Augen wieder zu öffnen!
Und dann genau hinsehen und genau hinhören. Lebendig sein, wieder
fühlen, wofür man ist, klar sein, Stellung beziehen und sich für
Menschenrechte einsetzen, Schwächere und Kinder schützen, kurzum sich
trauen, für die eigenen Werte zu kämpfen.
Radioapparat und Fernseher haben viele sehr gute Eigenschaften. Eine
ganz wunderbare davon ist bei beiden Geräten: der Knopf. Einfach
draufdrücken und aus. Gerne auch morgens beim Frühstück.
Und dann Ruhe genießen! Oder den Partner genießen, die Kinder genießen
oder den Hund ausführen oder Yoga machen oder telefonieren mit Freunden
oder malen oder schreiben oder etwas interessantes Lernen oder grundlos
glücklich sein oder mit gutem Grund glücklich sein oder spazieren gehen
oder noch etwas viel Besseres, was nur Ihnen einfallen kann.
Dies können Sie alles machen und noch viel mehr. Einfach anfangen! Was
könnte schon Schlimmes passieren, außer dass Sie glücklich werden?
Verena Ronnenberg
Heilpraktikerin (Psychotherapie), Tel. 0241-5593270
www.praxis-ronnenberg.de
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