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Willkommen am Abgrund

Alles ist schwarz. Kein normales Schwarz. Das tiefste Blauschwarz aller Nächte ist in die Seele gewandert und legt sich wie ein schwerer stickiger Vorhang tonnenschwer nieder. Bevorzugt erscheint es in Zeiten des Umbruchs. Bei Umbruchphasen in der Liebe, dem Beruf, der Familie oder der Gesundheit stellt sich manchmal ein ungebetener Gast aufs Trittbrett: Das Blauschwarz schmuggelt sich an der geöffneten Seelenpforte vorbei und nimmt unaufgefordert breit und fett Platz, an einem wirklich wichtigen Ort: unserer Seele.

Manchmal geschieht dies auch im Kleinen, in alltäglichen Situationen: Kennen Sie das? Unangemeldeter Besuch steht lächelnd vor der Tür. Was machen Sie, wenn Sie eigentlich etwas Besseres vorhaben und ihn schnellstmöglich loswerden wollen? Bleiben Sie trotzdem freundlich, kochen Kaffee und köpfen den Sekt, gehen noch schnell zum Bäcker und zünden ein paar schöne Kerzen für die nette Stimmung an? Und wenn es dem Besuch dann so richtig, richtig gut bei Ihnen geht, geht es Ihnen immer schlechter? Herzlichen Glückwunsch! Willkommen im Club der Netten, die aber heimlich und unbemerkt ein niederdrückendes Blauschwarz in ihrer Jackentasche tragen …

Wie fühlt es sich an, genau das Gegenteil von dem zu tun, was Sie eigentlich wollen? Der Widerspruch zwischen dem Impuls, den Gast schnell loszuwerden, und dem Anspruch ein guter Gastgeber sein zu wollen, macht einiges mit Ihnen, macht Sie aber leider nicht glücklich. Wenn wir häufig diesen unvereinbaren Impulsen und Gefühlen ausgesetzt sind, führen wir innerlich Krieg. Krieg mit uns selbst. Wir bekämpfen unsere Gefühle und Impulse. Wissen nicht, wie wir uns entscheiden, geschweige denn sie miteinander in Einklang bringen sollen. Als Folge kann es passieren, dass wir eben gar nichts mehr machen, um dem Konflikt der inneren Stimmen aus dem Weg zu gehen. Wir erstarren. Unsere Lebendigkeit scheint wie eingefroren zu sein. Wir spüren die große Sehnsucht nach innerer Balance und Ruhe.

Dem Impuls seinem Chef ordentlich eine zu „verpassen“, tritt in aller Regel ein gegenläufiger Impuls, nämlich der der Existenzsicherung, dominierend gegenüber. Aber nicht immer ist die Lage so eindeutig. Schließlich sind wir nicht 24 Stunden täglich Sachzwängen ausgesetzt. In diesen scheinbar freien Stunden versuchen wir auszubrechen. Wir errichten riesengroße Stoppschilder, allerdings leider meistens nur in unserer Phantasie. Manchmal trauen sich diese „Verkehrsnachrichten“ nach draußen und sind uns dann geradezu wie auf die Stirn geschrieben: Da steht dann zum Beispiel: Ich bin traurig. Oder dort steht: Komm mir nicht zu nah. Ich leide. Oder: Ich will meine Ruhe. Alles ist zuviel. Vielleicht aber kennen Sie eher die kleinen fiesen Wutausbrüche, die Ihre Umwelt nicht verstehen kann, da Sie doch sonst so ein netter Kerl sind? Nett sind Sie allemal, zu allen und jedem, nur leider nicht zu sich selbst!

Es nützt uns nichts, wenn wir leiden, weil wir es keinem Recht machen können. Immer wird irgendjemand meckern. Immer gibt es gute Gründe, die dagegen sprechen. Immer wäre im Nachhinein vielleicht der andere Weg angeblich besser gewesen. Manchmal gilt es dann Folgendes zu bedenken: Wer meckert, hat nicht Recht, sondern schlechte Laune. Der Besserwisser hat viele Argumente, aber weniger Herz. Menschen, die im Nachhinein wissen, was besser gewesen wäre, wissen mit Sicherheit weniger als Sie selbst.

Kennen Sie den Engel, der niemals aufgab? Oder die traurige Bergwanderin, die scheinbar tot umfiel, als sie ankam? In Wirklichkeit jedoch hatte sie Haus und Hof verlassen und war einfach lebendiger als jemals zuvor. Manches ist anders als es scheint. Während große und bedeutende Geschichten erzählt werden, passiert das wirkliche Leben nebenan. Es sind die kleinen Geschichten, die hinter vorgehaltener Hand erzählt werden und nur angeblich keinen interessieren.

Wie ist Ihre Geschichte? Wann verabschieden Sie sich von Ihrem Blauschwarz? Vergessen Sie nicht, es hat sich nur eingeschmuggelt! In Wirklichkeit wohnt es woanders.

Viele Wege führen nach Rom. Und viele Hinweisschilder führen das Blauschwarz nach Hause. An der Kreuzung schmeißen Sie es bitte aus der Jackentasche in Richtung Abgrund. Und drehen dann selbst ganz schnell ab, in eine andere Richtung, nämlich der entgegengesetzten. Dort wartet viel auf Sie, vor allem viel Positives. Manchmal ist an dieser Kreuzung noch kein wirklicher Weg zu sehen. Aber: Das macht nichts, denn wo noch kein Weg ist, bauen wir einen!

Wie sieht Ihr Weg aus, ohne das Blauschwarz? Welche Wiesen, Täler, Berge, und Meere säumen ihn? Eines ist gewiss, er wird Sie zielsicher führen und zwar mitten in Ihre Lebendigkeit. Mitten ins Leben. Mitten ins Glück.

Verena Ronnenberg
Heilpraktikerin für Psychotherapie

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