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Teil 2 

Yamas und Niyamas : Lebensrichtlinien, die uns gut tun

Wenn man alte Yogatexte liest und studiert wird interessanterweise ziemlich schnell klar, dass zwar Lebensweise und Lebensumstände der Menschen vor ca. 2000 Jahren völlig anders waren, aber die inneren Themen, die von jeher Menschen beschäftigt haben, gleich geblieben sind. Wie schon im letzten Artikel berichtet beschreiben die „Yogasutren des Patanjali“ (ca. 200 v. Chr. entstanden)  menschliche Verhaltensweisen, die uns nicht gut tun und die dazu führen, dass wir leiden, unglücklich und unzufrieden sind. Diese Verhaltensweisen, die aus unseren inneren Einstellungen und Mustern entstehen, werden im Yoga „klesas“ genannt, übersetzt „störende Kräfte“ oder „leidvolle Spannungen“. Diese klesas können z. B. sein: Ängste, Egoismus, Gier, blinde Abneigung oder Vorurteile und die fehlende Fähigkeit, Illusion und Wirklichkeit auseinanderhalten zu können. Dazu gehört auch die Unfähigkeit, im Alltag zu unterscheiden, was mir gut tut und was nicht und auch danach zu handeln.

In der Auswirkung auf unser Wohlbefinden haben sie alle eins gemeinsam: Sie erzeugen einen unruhigen, unklaren Geist, innere Unruhe und Stress, und bewirken, dass wir uns nicht gut fühlen. Weil wir ständig durch die „Brille“ dieser unheilvollen inneren Einstellungen auf die Welt schauen, haben wir oft ein verzerrtes Weltbild, das wir mit der Wirklichkeit verwechseln. Wie können wir nun unsere „Brille“ putzen und zu einer klaren Sicht (unseres Selbst und der Welt) gelangen? Yoga bietet uns eine ganze Palette von Hilfsmitteln an, mit denen wir unsere inneren Einstellungen verändern können, und die uns helfen, unseren Geist zu reinigen, zu klären und zu beruhigen. Auf diesem Weg können wir zurückfinden zu einer gelasseneren, entspannten inneren Haltung.

Innerhalb der „8-blättrigen Blüte des Yoga“ werden dazu bei Patanjali die Yamas und Niyamas beschrieben, ganz konkrete wohltuende Verhaltensweisen, jeweils fünf an der Zahl. Die „yamas“, die äußeren Verhaltensregeln, beziehen sich besonders auf unser Verhalten der Umwelt bzw. unseren Mitmenschen gegenüber. Die „niyamas“, die inneren Verhaltensregeln, beschreiben mehr eine heilsame Umgehensweise mit uns selbst.

Ahimsa, die Gewaltlosigkeit, die erste Qualität der „Yamas“, schließt im Grunde genommen alle anderen mit ein. Dieser Begriff ist vielen bekannt aus Gandhis Freiheitskampf in Indien, dessen oberste Grundregel ahimsa war. Ahimsa bedeutet eine gewaltlose Haltung allen Lebewesen gegenüber. Es schließt nicht nur alle Aktivitäten, die irgendjemanden in irgendeiner Form stören oder verletzen könnten, sondern auch Gewalt, die nur in Gedanken anderen gegenüber ausgeübt wird, mit ein. Niemandem schaden in irgendeiner Form, ist ein hoher Anspruch, den wir im Alltag immer wieder anschauen und überprüfen können. Bestimmt werden sich viele manchmal nur kleine Dinge und Verhaltensweisen finden, die wir neu überdenken und als stimmig oder nicht entscheiden können.

Global gesehen sind wir alle ein Teil der Schöpfung und haben Verantwortung für unsere Mitmenschen und unsere Erde. So könnte ein Teil von ahimsa sein, nicht alles zu dulden und zuzulassen, das unserer Erde schadet, sondern lebenserhaltend im positiven Sinne zu wirken. Ein anderer wichtiger Aspekt von ahimsa ist aber auch die Verantwortung uns selbst gegenüber, die Art und Weise, wie wir mit uns selbst umgehen. Da ist liebevolle Annahme ganz wichtig, mit allen Stärken und Schwächen. Das ist die beste Grundlage für Veränderung.

Um Veränderung geht es auch bei der zweiten Yama-Qualität: „satya“, die Wahrhaftigkeit. Eine alte Weisheit in der indischen Kultur besagt, dass die Kraft der Wahrheit Veränderung bewirkt. Wahrheit ist gesund, befreiend und wohltuend – innerlich für mich selbst und für den Umgang mit anderen. Seine Wahrheit nicht zu leben, nicht authentisch zu sein, verursacht Stress und verschlingt viel Energie.

Das dritte Yama ist „asteya“, nicht Stehlen. Ein Spruch aus dem Buddhismus drückt es sehr einfach aus: „Nicht Gegebenes nicht Nehmen“. Über diese Qualität kann ich wieder reflektieren: Wo habe ich selbst meine „blinden Flecken“, wo ich mir Dinge nehme, die mir nicht zustehen (z.B. Umgang mit Finanzamt und Steuer, CD´s kopieren etc.). Was kann ich vor mir selbst vertreten, was nicht?

Es ist wichtig, die unterschiedliche Interpretation der einzelnen Qualitäten immer im Kontext von Religion, Kultur und Zeit zu sehen. Die innere Auseinandersetzung bleibt gleich, aber äußere Gegebenheiten haben sich im Laufe von 2000 Jahren immer wieder grundlegend geändert. Das kommt besonders zum Tragen bei der Interpretation des vierten Yama: „brahmacharya“. Es bedeutet übersetzt „Wandel im Göttlichen“ oder „(Lebens)Wandel eines Brahmanen“, eines Tugendhaften. In Asketenkreisen damals und heute bedeutet brahmacharya ganz klar Keuschheit, sexuelle Enthaltsamkeit. Für „Haushälter“, also Männer, die eine Familie hatten, bedeutete es keinen Sex außerhalb der Ehe zu haben. (Im gesellschaftlichen Kontext in Indien wurden vom Yoga bzw. von den Yogatexten vorrangig Männer angesprochen.)

Heutzutage könnten wir brahmacharya auch übersetzen mit „sich auf das Wesentliche hinbewegen“. Folglich ist es wichtig, unsere Aktivitäten und Beziehungen unter diesem Aspekt zu gestalten. Gemeint damit ist auch generell Mäßigung, maßvoll handeln insbesondere auch bezogen auf die Sexualität. Ein moderates und bewusstes Leben gibt Kraft, Klarheit und Stabilität.

Das letzte der fünf Yamas ist „aparigraha“, das bedeutet Nicht-Ergreifen, Nicht-Horten, Anspruchslosigkeit. Aparigraha ist im Grunde genommen eine Intensivierung von asteya und widerspricht grundlegend unserem heutigen Lebensstil, wo es oft vorrangig darum geht, die Lebensqualität (scheinbar) dadurch zu steigern, dass wir immer wieder Neues konsumieren und auch Dinge anhäufen, die uns sowieso nie zufriedenstellen können.Wenn ich hingegen nicht ständig mit äußeren Dingen beschäftigt bin, kann ich mir selbst bzw. meinem wahren Wesen näherkommen.

Ich verstehe die Yamas nicht als Regeln im Sinne von Geboten, sondern als Reflektionshilfe im Alltag, um mir immer wieder aufs Neue mein Denken und Handeln bewusst zu machen und neu zu schauen: Ist das, was ich da denke und tue wirklich das, was ich will, ist es wirklich so in Ordnung für mich oder mache ich mir etwas vor?

 

Hier zum Abschluß noch ein Vorschlag
für eine Meditation über das Thema:

Betrachte die fünf Yama-Begriffe ahimsa/Gewalt-losigkeit, satya/Wahrhaftigkeit, asteya/Nicht Stehlen, brahmacharya/sich auf das Wesentliche hin bewegen, aparigraha/Anspruchslosigkeit und wähle intuitiv einen davon aus, der Dich spontan am meisten anspricht. Schreibe diesen Begriff deutlich auf ein Blatt Papier in einen großen Kreis, nimm eine bequeme Körperhaltung ein (am besten mit aufrechter Wirbelsäule im Sitzen). Schließe die Augen, mache Dir den Kreis mit Deinem Begriff von dem inneren Auge bewusst und rücke ihn so in den Mittelpunkt Deiner Konzentration. Beschäftige Dich meditativ mit der Frage: Was hat diese Qualität mit mir zu tun? Wie gehe ich damit in meinem Leben um? Halte den Begriff im Mittelpunkt Deiner Aufmerksamkeit und beobachte alles, was an Gedanken, Gefühlen, Intuitionen dazu aufsteigt. Beleuchte den Begriff immer neu von allen Seiten. Setze Dir dazu eine bestimmte Zeit (10 - 20 Minuten), die Du mindestens einhältst. Wenn Deine Aufmerksamkeit abschweift, öffne kurz die Augen und konzentriere Dich erneut auf den Begriff indem Du den Kreis auf Deinem Blatt anschaust. Wenn die gewählte Zeit vorüber ist, setze dich vielleicht noch kurz hin und notiere, was Du erkannt hast. Natürlich kannst Du diese Übung auch mit allen anderen Begriffen machen ...

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