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Teil VI.

Der letzte Artikel dieser Reihe über den 8 – gliedrigen Yogaweg bei Patanjali bezieht sich auf das Arbeiten direkt mit dem menschlichen Geist, während wir vorher mit den Verhaltensregeln, dann mit asana und pranayama eher indirekt klärend und beruhigend auf den Geist eingewirkt haben. Noch einmal zur Erinnerung: der Geist-Begriff (citta) bei Patanjali ist sehr umfassend. Er bezeichnet ein Geist-Organ, das denken, fühlen, wahrnehmen, erinnern und sich Dinge vorstellen kann, die es nicht gibt. Im Folgenden ist mit Geist immer dieser umfassende Begriff gemeint.

Über pratyahara (Zurückziehen der Sinne von den Objekten) das 5. Glied oder Blütenblatt führt der Weg zu dharana (Konzentration), dhyana (Meditation) und samadhi (Einswerdung). Pratyahara
bezieht sich auf unsere Sinne, „ahara“ bedeutet Nahrung, d.h. die Sinne ziehen sich von dem zurück, was sie nährt. Sie hören auf, von den Objekten zu leben, sich von ihnen füttern zu lassen. Normalerweise sagen unsere Sinne unablässig dem Geist „schau her, riech mal, fass dies oder das an …“, und der Geist reagiert unmittelbar darauf. Im pratyahara durchtrennen wir diese Verbindung zwischen dem Geist und den Sinnen, d. h. wenn die Sinne etwas wahrnehmen reagiert der Geist nicht mehr darauf. Ein Beispiel: ich versuche mich zu entspannen (oder konzentriert zu arbeiten) in einem Raum, der von Geräuschen umgeben ist. Normalerweise reagiert der Geist mir Widerstand „das stört mich jetzt, so kann ich mich nicht entspannen, das will ich jetzt nicht haben“ – und so wird es tatsächlich unmöglich, mich zu entspannen (oder konzentriert zu arbeiten). Im pratyahara lernt der Geist, nicht auf die Sinneseindrücke zu reagieren, d.h. ich nehme zwar die Geräusche war, aber lasse sie da, wo sie sind, verbinde nichts mit ihnen. Der Geist reagiert nicht bzw. wertet nicht. Ich kann mich wunderbar entspannen weil ich von der Reaktion des Geistes frei bin. In einer Vertiefung von pratyahara ist der Geist so konzentriert mit einem Objekt verbunden, dass die Sinne die äußeren Reize nicht mehr wahrnehmen. Sinne und Geist sind nicht länger zerstreut sondern zentriert und sprechen auf kein äußeres Objekt mehr an. Hier sind wir dann schon im Bereich von dharana, Konzentration. „dhr“ heißt halten, d.h. die Aufmerksamkeit halten. Das geschieht, wenn wir uns gezielt auf einen Punkt, ein Objekt ausrichten, d.h. üben, einen intensiven Kontakt zu diesem Objekt herzustellen und diesen zu halten.

Das Objekt kann z.B. der Atem sein oder ein bestimmter Körperbereich, oder ein äußeres Objekt wie z.B. ein Ton, ein Bild oder ein Begriff. Indem wir dharana üben bereiten wir uns auf die Meditation vor. Sie ist ohne die Fähigkeit des Geistes, sich zu konzentrieren, nicht möglich. Im Üben von dharana gehen wir schrittweise vor:

1. Der „normale“ zerstreute Geist

2. Eine bestimmte Ausrichtung des Geistes verstärken. Zerstreuung des Geistes nimmt ab.

3. Andere Geistesaktivitäten verschwinden


Hier geht dharana in dhyana über: der Geist ist fähig, die Ausrichtung über längere Zeit ohne Ablenkung zu halten. Während es in dharana darum geht, den Kontakt herzustellen, ist in der Meditation (dhyana) ist eine intensive Verbindung zum gewählten Objekt entstanden, wir haben uns tief auf etwas Bestimmtes eingelassen. Der Geist betrachtet intensiv das Objekt und erforscht es.

4. dharana – Kontakt herstellen zum gewählten Objekt.

5. dhyana – die Aufmerksamkeit „dringt in das Objekt ein“, eine intensive Verbindung entsteht.

In samadhi (Versenkung, Eins-Sein) verschmilzt unser Geist mit dem Gegenstand, wir werden eins mit dem Objekt unsere Betrachtung. Alle anderen Gedanken, Gefühle, Identifikationen, Ablenkungen und Wahrnehmungen, einschließlich der Illusion eines persönlichen Ichs, verschwinden. Nichts trennt uns mehr vom Gegenstand unserer Wahl. Wir verschmelzen mit ihm und gelangen zu einem tiefen Verstehen.

6. samadhi – Eins-Sein. Samadhi kann auch beschrieben werden als ein Zustand von reiner Bewußtheit und Freiheit.

Oft, wie auch in diesem Artikel, werden die 8 Glieder des Weges in numerischer Reihenfolge nacheinander beschrieben. Diese Entwicklungen finden aber nicht nur in kleinen Schritten nacheinander statt, sondern alle sind miteinander verbunden und ineinander enthalten und entfalten sich gleichzeitig wie die 8 Blütenblätter einer Blume, der 8-blättrigen Lotosblüte, wie dieser Weg bei Patanjali genannt wird. Trotzdem ist es immer wieder hilfreich, im Yoga in aufbauenden Schritten vorzugehen.

D.h. zuerst den Körper mit asana zu lockern und zu stabilisieren, um ein müheloses Sitzen zu gewährleisten, und den Geist mit Pranayama zu klären und zu beruhigen, um sich dann wesentlich müheloser konzentrieren zu können. In den ersten Jahren der Yogapraxis konzentriere ich mich so meist auf Körper und Atmung und
auf das Entwickeln von heilsamen inneren Haltungen und kann dann später, wenn gewünscht, den Schwerpunkt mehr Rich-
tung Meditation verlagern, also verstärkt direkt mit dem Geist arbeiten. Die „8-blättrige Blüte des Yoga“ ist nur ein Teilbereich der Yogasutren des Patanjali.


Wer sich weiter mit diesem spannenden Text beschäftigen möchte, findet unten Literaturhinweise von verschiedenen Übersetzungen und Kommentaren:

 

Patanjali – die Wurzeln des Yoga
Kommentar Deshpande/Übers. B.Bäumer, Barth Verlag
Über Freiheit und Meditation
Das Yoga Sutra des Patanjali
T.K.V. Desikachar (Übers. Und Kommentar), Via Nova
Yogasutra Patanjali
Arbeitsbuch von R.Sriram, Über www.sriram.de
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